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CLEO creates emotions.

Die Zeit der 6-stelligen Telefonnummern – und weshalb das virtuelle Leben uns Schätze beschert.

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Meine Arbeit mit Teenagern führt mir vor Augen, welches Privileg es ist, auf ein Zeitalter zurückblicken zu dürfen, wo es noch keine mobilen Telefone oder Social Media gab. Wo noch nicht mal Email, geschweige denn der Internet Browser ein Thema waren.

Das Interesse der Jugendlichen an dieser Epoche ist verschwindend klein – verständlich, ich spreche quasi vom Mittelalter, und wen interessiert das schon. Meine Erwähnung, ich sei in den 70er Jahren geboren, lässt sie die Augenbrauen in Verwunderung heben, warum um alles in der Welt ich nicht am Stock gehe. Die 70er Jahre – in kindlichen Ohren – geben mir das Alter einer Greisin.

Die langen Reden, wie die virtuelle Welt das reale Geschehen regiert, wie wir alle nicht mehr wirklich leben, weil alles online geschieht und die Mehrheit der Menschen ans Handy gefesselt sind, sind nicht zu überhören und auch nicht mehr zum Hören erträglich. Schluss am Ende sind wir alle alt genug um selber zu entscheiden, inwieweit die Sucht unser Leben beeinflusst – dies liesse sich sogar generalisieren und auf andere Suchtbereiche ausbreiten; aber bleiben wir beim Thema.

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Ich favorisiere Momente, in welchen ich mit meinen FreundInnen zurückschweife in die Zeit der Telefone mit Drehscheibe und Kabel. In die Zeit der 6-stelligen Telefonnummern, die wir auswendig konnten. In die Zeit, in der wir stundenlang mit dem Hörer am Ohr auf dem Zimmerboden lagen und die Eltern x-mal in das ungemein wichtige Gespräch reinwählten. Ein Drama. Wir erinnern uns an unsere Sprachaufenthalte, in welchen wir einmal die Woche Post bekamen, was der allerbeste Tag war, denn dann kamen handgeschriebene Briefe von zu Hause oder – wer kennt das Wort noch? – FAXE. Die Schule im sonnigen Kalifornien hatte eine einzige Emailadresse für die ganze Schule, die Emails mussten im Subjekt Feld personalisiert werden. In meiner ersten eigenen Wohnung hatte ich einen Telefonbeantworter mit Tonband – der spannendste Moment war unbestreitbar der, wenn ich nach Hause kam und das Blinken und die Zahl auf dem Gerät erblickte.

Wir wissen noch genau, wann wir die erste Email schrieben, ja, wie unsere erste Email Adresse lautete (hotmail, anyone?). Dann kamen die sms – ich werde nie meine Perplexität und das Unverständnis dieses Phänomens vergessen, als mein damaliger Freund eine sms schrieb und daraufhin eine Antwort empfing. Es war, als sei gerade eine besonders abnorme Macht in Erscheinung getreten.

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Und dem war wohl auch so. Ich finde es immer und immer wieder äusserst faszinierend, die Entwicklung zu beobachten und ich bin stolz und dankbar für das Wissen und die Erinnerungen der Vergangenheit, welche ich in einer Welt verbrachte, die man heute belächelt oder vielleicht gar als naiv bezeichnet. Übrigens kaufte ich 1998 mein erstes Handy. Die Batterie musste extern geladen werden und der Preis einer Sprechminute war so absurd teuer, dass telefonieren ausser Frage stand. Es hatte ausserdem keinen Platz in meiner Handtasche – es war zu gross.

Ich habe nicht das geringste Problem mit der Entwicklung der Technologie, abgesehen davon, dass ich meine Handykosten nicht im Griff habe und mehr fluche als jemals zuvor, weil ich zu riesige Finger habe um fehlerfrei zu tippen. Abgesehen davon – so ist es, das Hier und Jetzt auf unserer Seite der Welt. Und wir werden auch niemals mehr zurückkehren in die Zeit der Drehscheiben auf dem Telefonapparat, aber wie alles, das an Bedeutung gewinnt, wenn es nicht mehr da ist:

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Entwickelte Fotos, handgeschriebene Briefe und Postkarten, Liebesbotschaften auf einem Post-It oder im Schnee, ein Treffen ohne Änderung oder Absage per sms, Polaroid Kameras – diese Dinge tragen heute den Retro-Titel, sie sind etwas ganz Spezielles, weil antik – und somit wertvoll. Was kann denn daran falsch sein? Geniessen wir die Einzigartigkeit und der Schatz, den uns die Vergangenheit und die neue Entwicklung beschert hat.

 

 

Text & S/W Fotos Lucie Pfändler aka Fitswisschick

Farbfoto Retrotelefon: Wolffmeister (Mike Wolff)