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CLEO creates emotions.

Der Kinderaugen schnörkellose Sicht auf die Welt – und wie Mitleid (nicht) funktioniert

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‚Lucie – wenn das Feuerwerk ins Wasser fällt, sterben dann die Fische?’ Silvester 2016 auf der Terrasse des Waisenhauses, fragte mich eines der über die Weihnachtsferien im Heim gebliebenen Kinder besorgt über das Wohlbefinden der Fische, während das grosse Neujahrsfeuerwerk am Rhein über die Bühne ging.

 

Ich habe keine Kinder und ich arbeite mit den Jugendlichen im Heim, aber sehr oft treffe ich auf die Kleinen bei uns, im Skilager oder anderen Events und ich bin stets beeindruckt von der Stärke dieser kleinen Menschen. Von aussen begegnet ihnen viel Mitleid, dass diese jungen, unschuldigen Wesen nicht im Schutz einer intakten Familie aufwachsen, dass sie eventuell Vernachlässigung und Verletzung erleben und ihre kleinen Herzen je nachdem mit Beziehungs – und Vertrauensbrüchen konfrontiert wird. In den Augen der Kleinen sehe ich alles, nur eines nicht: Selbsmitleid. Sie haben wohl Angst, sind traurig, misstrauisch, überrascht, neugierig, lachend, fasziniert, nachdenklich, trotzig, wütend und glücklich – aber sie bemitleiden sich nicht für die aktuelle Situation, in der sie sich befinden.

 

Ob die Fische im Rhein vor dem Feuerwerk geschützt sind – das war in der besagten Silvesternacht wichtig für den Kleinen. Aufgeregt zeigte er mir den Vulkan, der danach auf der Strasse losging und stolz, dass der Becher mit Rimuss auf dem Terrassengeländer stehen konnte, obwohl dies schräg abfallend gebaut ist. Die Prioiritäten liegen auf den Geschehnissen im Moment, im Hier und Jetzt. Nicht auf Lebensgrundsätzen, auf Pech oder Glück, nicht auf der Vergangenheit und schon gar nicht auf der Zukunft. Es herrscht karge Klarheit über den Ist-Zustand – nüchtern, spartanisch und schnörkellos betrachtet. Mitleid gibt es für die Fische, nicht für sich selber.

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Erst später, wenn sich vielleicht Muster aus den Erlebnissen bilden und ersichtlich wird, welche Erfahrungen und Gefühle die Kinderseele geprägt haben, wird relevant, was damals passiert ist und die Konfrontation dessen elementar. Es wird mehr nachgedacht, gesorgt, diskutiert, philosophiert und reflektiert. Jedoch wird auch in dieser Zeit Selbstmitleid oder auch das Mitleid anderer keine grosse Hilfe sein.

 

Selbstwertschätzung, Empathie und Mitgefühl für sich selber ist wichtig oder gar ausschlaggebend um ein gesundes Selbstbewusstsein und damit Stärke, positives Denken und Zufriedenheit zu entwickeln – wohingegen Selbstmitleid sich in mangelnder Selbstkritik und Reflektion von übergeordneten Gesichtspunkten äussert – es kann allenfalls sogar zu überwiegend negativem Denken und passivem Verhalten, ja, Isolation führen. Die Erkentniss, dass man zu einem grossen Teil selber verantwortlich ist für seine Zufriedenheit und sein Glück selbst in der Hand hat, wird überschattet und dominiert von der Weigerung dies anzuerkennen und aber sich lieber als Opfer zu pflegen.

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Sich bedauern und einen Abend lang suhlen, jammern und heulen ist nicht falsch. Es darf auch mal geklönt werden. Mit der Voraussetzung, dass das am nächsten Tag wieder aufhört und wir das Bewusstsein zurückerlangen, dass es Schluss am Ende darum geht, wie wir mit der gegebenen Situation umgehen, egal wie schön oder wie schrecklich diese sein mag.

 

Wie die Kinder. Sie leben zwar im Heim, aber sie dürfen am Rhein wohnen, mit anderen Kindern, haben Ziegen und Hühner und einen Fussballplatz im Garten, und einen wamen und trockenen Ort mit Essen und Trinken. Sie wachsen an der Tatsache, dass sie schon früh mit emotionalen Disbalancen konfrontiert werden, arrangieren sich damit und bekommen die Chance, ihre Erlebnisse als stärkende Erfahrungen zu speichern. Was sie daraus machen wird ihre eigene Entscheidung sein, aber im Moment empfinden sie kein Selbstmitleid. Nur Mitleid für die Fische im Rhein, die Angst vor dem Feuerwerk haben.

 

Text & S/W Fotos Lucie Pfändler aka Fitswisschick